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Zu Besuch in Tschernobyl und Prypjat

It’s summer in the city. Es ist ein heißer Sommertag mitten im August. Die Kronen großer altehrwürdiger Bäume spenden Schatten vor der brennenden Sommersonne. Einzelne Sonnenstrahlen blitzen durch die majestätischen Baumkuppeln hindurch.

Ein Rummelplatz wurde inmitten des Stadtzentrums errichtet. Er wurde noch nicht eröffnet und wartet darauf, endlich seine Tore zu öffnen und seinen Gästen vergnügte und glückliche Momente zu schenken. Freude soll hier verbreitet werden, lautes Lachen soll durch die Gegend hallen und Lächeln sollen in glückliche Kindergesichter gezeichnet werden.

Ein Riesenrad erstreckt sich gen Himmel und überragt sogar die höchsten der Bäume. Sein verrostetes, rotbraunes Gerüst bildet einen überraschend harmonischen Kontrast zu dem leuchtenden, saftigen grün der Bäume. Seine schrillen gelben Gondeln scheinen zu einer Fahrt über die Wipfel der Bäume einzuladen. Welch schönen Ausblick man wohl von dort oben haben muss. Doch das brüchige Gerüst würde wohl keine einzige Fahrt überleben. Den Ausblick von diesem Riesenrad wird niemals jemand genießen können.

Nur wenige Meter entfernt scheint es, als würde ein Autoscooter auf seine Gäste warten. Doch das Dach ist komplett zerfallen, nur ein morsches, rostiges Gerüst ist noch übrig geblieben. Der Boden ist brüchig, an vielen Stellen aufgerissen und mit allerlei Trümmern, Moos und Blättern bedeckt. Die Stromabnehmer der kleinen Autos sind verrostet, verbogen, abgebrochen. Der einst glänzende Lack der kleinen Wägen ist schon lange verblichen. Auf diesem Autoscooter wird nie jemand fahren.

Der Rummelplatz wurde noch nicht eröffnet, er wird auch nie eröffnet. Dieser Platz war einst gedacht als ein Ort, an dem das Leben blühen sollte, an dem Heiterkeit, Leichtigkeit und Unbeschwertheit verbreitet werden sollte. Doch dazu kam es nie. Hier hat noch nie jemand heitere Stunden verbracht und das wird auch nie passieren. Dieser Ort ist heute verlassen, vergessen, verseucht.

Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Es herrscht eine gespenstische Stille. Nur der Wind, der sanft durch die Bäume weht, lässt ein leises Rascheln ertönen. Plötzlich zerstört ein seltsames Geräusch diese Stille. Es ertönen laute Klickgeräuschen, nacheinander, immer wieder. Es werden immer mehr, immer schneller nacheinander, bis bald scheinbar nur noch ein einziger lauter permanenten Ton ertönt. Ein Geigerzähler warnt uns vor radioaktiver Strahlung. Wir müssen weiter. Wir dürfen uns hier nicht zu lange aufhalten. Hier ist es zu gefährlich.

Willkommen auf der Reise nach Tschernobyl und Prypjat.

Die Reise in die nukleare Sperrzone um Tschernobyl

Prypjat, eine heute menschenleere Geisterstadt, ist nur einer der vielen surrealen und skurrilen Orte, die man auf einer Tour durch die nukleare Sperrzone besucht, welche sich 30 km um das havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl herum erstreckt.

Eine derartige Tour ist unvergessliches Erlebnis, bei der man permanent vor Augen geführt bekommt, welch unbändige, zerstörerische Kraft die Radioaktivität besitzt und welch katastrophale Folgen es haben kann, wenn der Mensch glaubt, diese Kraft kontrollieren zu können und letztendlich doch die Kontrolle darüber verliert.

Doch bevor wir zu derartigen Erkenntnissen gelangt sind, begann unsere Reise in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ca. 150km südlich des havarierten Kraftwerks. Frühmorgens wurden wir vor unserer Unterkunft in Kiew von unserem Führer und einer Dolmetscherin abgeholt, die uns den Tag über durch die Zone begleiten sollten. Den Ausflug nach Tschernobyl hatten wir bereits zu Hause über den deutschsprachigen Anbieter GetYourGuide* gebucht, den wir uneingeschränkt empfehlen können. Alle Ausflüge und Trips werden auf Seriosität geprüft, inklusive der Guides. Eine Stornierung ist bis kurz vor Reiseantritt noch kostenlos.

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Ein bisschen mulmig war uns zu diesem Zeitpunkt schon zu mute. Jetzt geht es also tatsächlich los, wir ziehen es also tatsächlich durch. Wir fahren jetzt in ein nuklear verseuchtes Gebiet zu einem explodierten Atomkraftwerk.

Wird auch wirklich alles gut gehen?
Ist das bisschen Strahlung dort wirklich ungefährlich?
Werden wir alle gesund zurückkehren?
War das wirklich so eine gute Idee hier her zu kommen?

Aber zunächst einmal stand eine gut dreistündige Autofahrt auf dem Programm, bevor wir uns dem Grenzposten zur Sperrzone näherten. Und bereits diese Fahrt ist schon ein kleines Highlight für sich, bekommt man hier einen tiefen Einblick in das Landleben der Ukraine. Oft schien es, als wäre die Zeit hier stehen geblieben. Die Fahrt über die entlegenen Straßen durch das ukrainische Hinterland wirkte wie eine Reise in die Vergangenheit.

Kleine, ärmliche teils herunterkommen Bauernhäuschen fristeten traurig am Straßenrand ihr Dasein. Vor den Häusern saßen alte Leute auf kleinen Holzbänken und beäugen skeptisch die vorbeifahrenden Autos. Die Menschen sind sichtlich gekennzeichnet und geschunden von einem langen Leben voll harter und zermürbender Knochenarbeit. Pferdewägen kutschierten langsam über die mit Schlaglöchern gespickten Straßen und transportierten Gemüse, Stroh und anderes Gut. Völlig unbeeindruckt überholte unser Fahrer die Pferdewägen, als wäre es das normalste auf der Welt. Wir konnten kaum glauben, dass wir noch vor wenigen Minuten in einer Großstadt mit 3 Millionen Einwohnern waren, wirkte es hier plötzlich, als wären wir in einem sowjetischen Dorf in den 1950er gelandet.

Erste Schritte in der nuklearen Sperrzone

Nach gut drei Stunden Nostalgiefahrt näherten wir uns schließlich in unserer Reise dem Grenzposten zur Sperrzone um Tschernobyl. Die ukrainische Miliz erwartete bereits jedes ankommende Auto. Auf Anweisung der Miliz hin mussten alle Insassen das Fahrzeug verlassen, während unsere Reisepässe und Dokumente überprüft wurden.

Ganz unweigerlich überkommt einem in dieser beklemmenden Situation ein ungutes Gefühl. Der bewachte Grenzposten strahlt schon einen gewissen Respekt aus, die Schilder, die vor radioaktiver Strahlung waren, sind schon sehr einschüchternd.

Hoffentlich stimmt alles mit den Dokumenten!
Hoffentlich gibt es keine Komplikationen!
Hoffentlich geht alles gut!
War das wirklich so eine gute Idee hier her zu kommen?

Man bekommt an dieser Stelle einen leichten Einblick, wie es wohl früher zu Zeiten des kalten Krieges gewesen ist, wenn man hinter den eisernen Vorhang gereist ist, wie es sich wohl angefühlt haben muss, die Grenze von Westdeutschland in die DDR zu passieren.

Nach wenigen Minuten durften wir dann weiter fahren und auf das eine ungute Gefühl folgte sogleich das nächste. Nun befanden wir uns also in der nuklearen Sperrzone, einem abgegrenzten und schwer bewachten Gebiet, die eigens dafür eingerichtet wurde, um die Bevölkerung vor radioaktiver Kontamination zu schützen. Und wir waren gerade auf direkter Reise zur Quelle dieser Kontamination.

Die ersten Meter in der Sperrzone waren überraschend unspektakulär. Es schaute eigentlich alles noch genau so aus, wie vor der Grenze. Nach jahrzehntelanger Gehirnwäsche durch Zombie Filme, Endzeit Computerspiele und andere Unterhaltungsmedien diverser Natur erwartet man wohl insgeheim, dass in der Sperrzone schlagartig alles radikal anders aussieht, dass überall gigantische leuchtende Pilze blühen, dass zweiköpfige Rehe in mannshohen Wiesen grasen, dass hinter jeder Ecke wilde, anarchische, postapokalyptische Räuber lauern, um uns zu überfallen und auszurauben.

Doch die Realität ist anders. Die Sperrzone sieht überraschend idyllisch aus. Wenn man nicht wüsste, das dies eine radioaktiv verseuchte Gegend ist, könnte man genauso gut denken man wäre in einem Schutzgebiet, in dem es der Natur gestattet ist, unberührt und von Menschenhand unbeeinflusst zu gedeihen. Doch diese Idylle ist trügerisch, täuscht sie doch über die Gefahren und Belastungen für Pflanzen und Tiere hinweg, die auch 30 Jahre nach der Katastrophe hier immer noch omnipräsent sind und deren Langzeitfolgen auch heute noch niemand abschätzen.

Die Duga-3 Radarstation

Bevor uns unser Weg weiter zu der Quelle all diesen Übels führte, stand zunächst ein einzigartiges Highlight auf dem Programm, das vielleicht niemals ein Zivilist zu Gesicht bekommen hätte, wenn es das Unglück von Tschernobyl nicht gegeben hätte, die Duga-3 Radarstation ca. 20km südlich des Kernkraftwerks.

Duga-3-Radarstation, Tschernobyl Sperrzone

Duga-3 war ein streng geheimes Militärprojekt der UdSSR, ein sogenanntes Überhorizontradar als Teil eines Raketenabwehrsystems, mit dessen Hilfe Raketen in Entfernungen von über 10.000 km frühzeitig erkannt werden sollten.

Die Radarstation steht in mitten eines Waldes, weit abgelegen von der Zivilisation und gut versteckt vor den Augen der Öffentlichkeit. Der Weg zu der Radarstation könnte unauffälliger nicht sein. Von einer großen, breiten Hauptstraße aus führt ein kleiner unauffälliger Weg mitten in den Wald hinein. Zu Beginn des Weges, der offiziell zu einer Jugendherberge im Wald führte, stand unscheinbar eine kleine Bushaltestelle. Doch das war alles nur Schein. In diesem Wald gab es nie eine Jugendherberge, von dieser Haltestelle ist niemals ein Bus gefahren.

Nach einigen hundert Metern durch den Wald auf einer schlechten von Rissen und Schlaglöchern übersäten Straße tauchte am Horizont langsam das Ziel dieses Abstechers auf. Schon zu diesem Zeitpunkt ließ sich erahnen wie gigantisch dieses Konstrukt wohl sein muss. Meter um Meter näherten wir uns dem riesigen Bauwerk, dessen Ausmaße immer größer zu werden schienen.

Schließlich standen wir dann dort, vor einer gigantischen Antenne zum Empfang von Radiosignalen. Wir konnten unseren Augen nicht trauen, vor welch einem enormen, bizarren Konstrukt wir uns gerade befanden. Die Antenne besteht aus einem gigantischen 500 Meter langen und 150 Meter hohen Metallgerüst, an welchem über 200 weiße Stahlkäfige mit Messelementen angebracht sind. Jeder Stahlkäfig hat eine Länge von über 10 Metern und in etwa die Form von zwei horizontal nebeneinander angeordneten Kegeln. Die einzelnen Käfige sind symmetrisch in Reih und Glied angeordnet und über das enorme Metallgerüst regelmäßig vereitelt.

Es ist schwer sich die Ausmaße dieses gigantischen Konstrukts vorzustellen. Auch Fotos werden diesem atemberaubenden Anblick nur bedingt gerecht. Es scheint, als würde sich das Metallgerüst ewig weit in den Himmel und so weit das Auge reicht Richtung Horizont erstrecken.

Durch die perfekte Symmetrie, mit welcher die befremdlich wirkenden Stahlkäfige über diese enormen Dimensionen angeordnet sind, wirkt das ganze Bauwerk absolut bizarr und surreal, wie von einem anderen Stern, wie aus einem abgespaceten Science-Fiction Film. Wenn dieses außerirdisch wirkende Konstrukt plötzlich anfangen hätte, Laserstrahlen abzufeuern, wenn plötzlich aus dem Nichts Aliens aufgetaucht, Raumschiffe gelandet und Mutanten durch Dimensionsportale eingefallen wären, dann hätte das zu diesem Zeitpunkt wohl niemanden von uns verwundert. Ganz im Gegenteil, dieser Anblick hätte nur zu gut in dieses skurrile Szenario gepasst.

Während des aktiven Betriebs der Radarstation, als die UdSSR in ihren Hochzeiten mit absoluter Geheimhaltung geglänzt hat, wäre es wohl noch undenkbar gewesen, dass Informationen der Station jemals an die Öffentlichkeit dringen, geschweige denn dass der Erzfeind im Westen von der Einrichtung erfährt oder dass gar Touristen aus Westeuropa einmal dieses Bauwerk besuchen und ganz legal fotografieren dürfen, ohne danach gefangen, gefoltert oder erschossen zu werden.

Es ist wohl größtenteils dem Tschernobyl Unfall und dem kurz darauf stattgefunden Zusammenfall der UdSSR zu verdanken, dass man als Zivilisten heutzutage mit diesem eindrucksvollen Meisterwerk der Ingenieurskunst bestaunen kann, zu welch unvorstellbaren architektonischen Meisterleistungen die Menschheit fähig ist.

Gleichzeitig bekommt man die Sinnlosigkeit vor Augen geführt, mit der die Menschheit ihre Geschichte schreibt. Dieses Konstrukt wurde einst errichtet, um Raketen zu detektieren, die nie abgefeuert wurden. Der gigantische Aufwand, der für den Bau dieser Anlage nötig war und die astronomisch hohen Kosten für Bau und Betrieb des Radars wurden komplett sinnlos, für nichts und wieder nichts verschwendet. Heutzutage ist das alles bedeutungslos. Heutzutage rostet die Anlage vor sich hin, abgeschieden von der Außenwelt, verlassen und vergessen von dem Regime, welches durch die Anlage vor der Auslöschung durch kriegerischen Angriffen bewahrt werden sollte. Ein Regime, das heute nicht mehr existiert, aber nicht weil es durch eine kriegerische Eskalation mit dem Erzfeind zerstört wurde, sondern weil es durch Umschwung und Revolution von Innen heraus selbst zerfallen ist. Duga-3 ist einer der letzten Zeitzeugen, eines der sinnlosesten Konflikte in der Geschichte der Menschheit.

Mittagessen in der Tschernobyl Kantine

Nach diesem Abstecher stand auf unserer Tschernobyl Reise zunächst das Mittagessen auf dem Programm. Und da Restaurants in der Sperrzone wenig überraschend eher spärlich gesät sind, haben wir unser Mittagessen an dem wohl einzigen Ort zu uns genommen, an welchem man in der Sperrzone Essen serviert bekommt, in der Kantine für die Arbeiter, die an dem neuen Sarkophag für das zerstörte Kernkraftwerk arbeiten.

Bevor wir uns jedoch ukrainisches Kantinenessen schmecken lassen konnten, mussten wir zunächst einen Kontaminationstest unterziehen. Dazu mussten wir uns in eine Art Metalldetektor begeben, der es angezeigt hätte, wenn wir radioaktives Material an uns hätten. Unser Führer erklärte uns, dass das reine Routine und nur eine Sicherheitsmaßnahme sei und dass er noch nie erlebt hätte, dass das Gerät bei einem seiner Gäste ausgeschlagen hätte.

Ein ungutes Gefühl hat man beim Betreten des Automaten dennoch. Was wenn er doch ausschlägt? Habe ich dann den ganzen Tag schon hoch gefährliches Material an mir getragen? Was heißt das dann für meine Gesundheit? War das wirklich so eine gute Idee hier her zu kommen?

Aber der Automat hat bei keinem von uns ausgeschlagen und so kamen wir in das zweifelhafte Vergnügen, in der Kantine von Tschernobyl zu Mittag zu essen. Selten in unserem Leben haben wir uns derart deplatziert gefühlt, wie hier.

Man sitzt hier zwischen Arbeitern, die ihre Gesundheit riskieren, um eine abschirmende Hülle für die Ruine eines vor drei Jahrzehnten explodierten Atomkraftwerks zu errichten. Menschen die sich freiwillig radioaktiver Strahlung aussetzen, um andere Menschen vor dieser Strahlung zu beschützen. Und man selbst sitzt als Tourist zwischen all diesen Menschen, um sich aus Jux und Tollerei den Ort anzusehen, an welchem diese heimlichen Helden täglich ihr Leben aufs Spiel setzen.

Wir fühlten förmlich, wie wir hier fehl am Platze waren. Wir konnten förmlich die bohrenden Blicke der Arbeiter spüren, die uns fragend durchlöchern.

Wieso kommt man freiwillig hier her?
Weshalb gibt man Geld aus, um hier her zu reisen?
Warum macht man hier Urlaub?
Wie kann man nur auf die Idee kommen, diesen verwunschen Ort aufzusuchen?

Und die Antwort auf diese Fragen stand als nächstes auf dem Programm unserer Tschernobyl-Tour.

Der erste Blick auf das Kernkraftwerk Tschernobyl

Nun ging es weiter zu dem Hauptziel unserer Reise. In der Ferne konnte man es schon erkennen. Schon so oft hat man es im Fernsehen und in Zeitungen gesehen, doch nun erblickten wir die Überreste des Kraftwerks zum ersten Mal mit eigenen Augen.

Gespenstisch lauerte dieses Biest in der Ferne. Bedrohlich reckte die unschöne Bestie ihre Türme Richtung Himmel. Eine mystische, unheimliche, abschreckende Aura ging von diesem Ungetüm aus. Über all die Jahrzehnte ist diese Ruine zum Symbol für die Gefahr der Atomenergie geworden. Und wir waren nur noch wenige Kilometer davon entfernt.

Bisher kam der Geigerzähler, den unser Führer stets bei sich trug, noch nicht sonderlich bedeutend zum Einsatz. Bis jetzt hat er so gut wie gar nicht ausgeschlagen. Doch je näher wir dem Kraftwerk kamen, umso mehr hat auch der Zähler auf sich aufmerksam gemacht. Immer wieder gab es einen plötzlichen starken Ausschlag. Wie aus dem nichts fing der Zähler immer wieder an sich mit Klickgeräuschen förmlich zu überschlagen.

Die Klangkulisse des Zählers sorgte für ein äußerst beklemmende Atmosphäre. Die Geräusche des Zählers vermittelten den Eindruck, als könne man die Strahlung spüren, als würde man fühlen, dass man gerade durch eine radioaktive Wolke gefahren ist. Unweigerlich spuken einem in diesem Moment zweifelnde Gedanken durch den Kopf.

Was haben wir uns bloß dabei gedacht?
Wie kann man such nur freiwillig dieser Gefahr aussetzen?
Wie kann man nur so leichtfertig mit seinem Leben spielen?
War das wirklich so eine gute Idee hier her zu kommen?

Aber jetzt war es zu spät umzukehren. Wir hatten unser Ziel schon vor Augen. Und trotz dieses beklemmenden, furchteinflößenden Gefühls, das dieser Ort in uns auslöste, entfaltete er auch gleichzeitig eine magische Wirkung, einen unaufhaltsamen Sog, eine unbändige Faszination.

Jetzt war es zu spät umzukehren. Aber wir wollten auch nicht umkehren. Wir wollten hier sein. Und wir wollten noch weiter. Weiter bis zur Bestie. Weiter zur Quelle all diesen Übels.

Das Kernkraftwerk Tschernobyl

Schließlich standen wir dann da, nur wenige hundert Meter von den Überresten des Kraftwerks entfernt. Doch trotz der enormen Gefahr, welche von dieser Ruine ausging, war dies kein ausgestorbener, menschenleerer Ort. Ganz im Gegenteil, das Kraftwerk war eine emsige und geschäftige Baustelle, an der eine Vielzahl von Arbeitern tätig war.

Nur wenige Meter von dem havarierten Reaktor wurde an dem neuen Sarkophag gearbeitet, eine gigantische Metallhülle, die wie eine riesige Fabrikhalle aussieht, und über die Überreste des Kraftwerks geschoben werden soll. Es ist ein absolut surrealer Anblick, diese beeindruckende Megabaustelle direkt neben den lebensbedrohlichen Überreste eines explodieren Atomreaktors zu sehen.

Tschernobyl, Blick auf den Kernreaktor

Es ist schwer die Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, die man in diesem Augenblick empfindet und die einem an dieser Stelle durch den Kopf gehen. Man ist gefesselt von einer unbändigen Mischung aus Faszination und Unbehagen. An dieser Stelle zu stehen und die Überreste einer Nuklearkatastrophe mit eigenen Augen zu sehen, kommt einer Erkenntnis gleich, nach der man die Kernenergie nie wieder auf die gleiche Weise sehen kann.

Zu sehen, wie heute, drei Jahrzehnte nach dem Unglück, immer noch an der Ruine des Kraftwerks gearbeitet und versucht wird die Folgen dieser Katastrophe in Zaum zu halten, zu sehen, wie Arbeiter sich heute immer noch direkt einer enorm hohen Strahlungsbelastung aussetzen, öffnet einem die Augen, welch immense, zerstörerische Kraft die Kernenergie besitzt und welch katastrophale Folgen es haben kann, wenn der Mensch arrogant und überheblich glaubt, diese Kraft kontrollieren zu können und letztendlich doch die Kontrolle darüber verliert.

Man hat zwar ein fundiertes Verständnis, wie Radioaktivität funktioniert, wie gefährlich sie ist und warum sie so gefährlich ist. Man kann Radioaktivität mit mathematischen Formeln und physikalischen Experimenten begreifen und beschreiben. Aber trotz all dieses Wissens und all dieser Erkenntnisse, wenn der Mensch sich mit der Radioaktivität anlegt, spielt er mit einer Macht, die ihm letztendlich haushoch überlegen ist.

Wir standen insgesamt keine fünf Minuten vor den Ruinen des Kraftwerks. Doch diese fünf Minuten waren ein nachhaltiges Erlebnis, das wir nie wieder vergessen werden, das uns gleichermaßen schockiert wie beeindruckt hat. Vor dieser Reise und auch am Tag der Tour selbst haben wir uns oft gefragt, ob das wirklich so eine gute Idee war, hier her zu kommen. Doch ab diesem Zeitpunkt hatten wir keinen Zweifel mehr daran, dass dies eine ausgezeichnete Entscheidung war. Denn an diesem Ort zu stehen, an diesem lebendigen Zeitzeugen, an welchem der Mensch die für so sicher gehaltene Kontrolle über die Radioaktivität verloren hat, ist wie eine Offenbarung, ja gar wie eine bewusstseinserweiternde Erkenntnis, welche einem die Augen in ungeahnter Weise öffnet und nach der man die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben, für immer mit anderen Augen sieht.

Die Geisterstadt Prypjat

Und nach dieser bereichernden Erkenntnis über die Gefahren und schwerwiegenden Folgen der Kernenergie folgte sogleich die nächste Lehrstunde und eine nachhaltige Lektion über die regenerative Kraft der Natur, denn als nächstes stand Prypjat auf dem Programm.

Prypjat ist eine Stadt, die 1970 zusammen mit dem nur wenige Kilometer entfernten Kernkraftwerk gegründet und extra als Wohnort für die Arbeiter des Kernkraftwerks errichtet wurde. Zum Zeitpunkt des Reaktorunglücks im Jahre 1986 wohnten knappe 50.000 Menschen in Prypjat, hauptsächlich Arbeitet des Kraftwerks und ihre Familien. Prypjat war damals eine blühende, reiche Stadt mit einer jungen, gebildeten Bevölkerung. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung betrug 1986 gerade einmal 26 Jahre.

Doch mit der Katastrophe wurde Prypjat quasi über Nacht zur Geisterstadt. Die Bewohner haben ihr gesamtes Hab und Gut liegen und stehen lassen und binnen weniger Stunden werde die gesamte Bevölkerung evakuiert. So steht Prypjat seit dem 27. April 1986 also menschenleer und ist der Kraft der Natur überlassen.

Und es ist immens beeindruckend zu sehen, wie sich die Natur in gerade einmal 30 Jahren ihren Raum zurückerobert hat. Wir konnten oftmals nicht glauben, dass wir uns noch inmitten der Stadt befanden und nicht in tiefster Wildnis.

Überblick über Prypjat

Ehemaligen große Plätze der Stadt haben ihren ursprünglichen Glanz gänzlich verloren und sind heute zugewuchert mit hohen Bäumen, Gräsern und Wiesen.
Eine Hauptstraße der Stadt, ehemals eine breite, vielbefahrene Allee, ist heute nur noch ein kleiner Weg durch ein Dickicht von Bäumen.
Ganze Stadtteile sind nicht mehr als solche zu erkennen und geradezu von unzähligen Bäumen überwuchert.

In einer Wohnsiedlung wachsen zwischen einer Vielzahl von Hochhäusern heute so viele Bäume, dass es einem kleinen Waldspaziergang ähnelt, um von einem Hochhaus zum nächsten zu gelangen.

Der Rummelplatz mit Riesenrad und Autoscooter hätte fünf Tage nach dem Reaktorunglück eröffnet werden sollen. Heute ist er umzäunt von unzähligen Bäumen. Es wirkt, als hätte man einen Jahrmarkt in mitten unberührter Natur gebaut.

Riesenrad in Prypjat nahe Tschernobyl Autoscooter in Prypjat nahe Tschernobyl

Eine Schule steht heute im tiefsten Inneren eines Waldes, der so dicht bewachsen ist, dass man das Schulgebäude erst erkennt, wenn man unmittelbar davor steht.

Und diese Schule ist wohl die beeindruckendste und beklemmendste Sehenswürdigkeit in ganz Prypjat. Es wirkt wie in einem Horrorfilm wenn man durch die gruseligen menschenleeren, heruntergekommenen Gänge der Schule geht. Lampen hängen nur noch an einem Kabel von der Decke, der Putz bröckelt von den Wänden, Stühle und Tische liegen kreuz und quer verstreut, Fenster sind zerbrochen, der Boden voller Glassplitter, es herrscht eine gespenstische, unbehagliche Stille. Man erwartet, dass in jedem Augenblick eine Horde Zombies um die nächste Ecke biegt.

Prypjat Hochhaus

In den Überresten dieser Schule findet man eine unglaubliche Zahl von skurrilen und morbiden Anblicken, die man nie wieder vergessen kann. Ein Klassenzimmer, in dem noch Puppen, Spielzeug und Schulbücher neben einem Haufen von dutzenden Gasmasken liegen, ist ein absolut surrealer, beklemmender und verstörender Anblick, welcher sich auf ewig in das Gedächtnis einbrennen wird.

Gasmasken in der Schule, Prypjat

Generell ist Prypjat wohl das heimliche Highlight der Tour durch die Sperrzone, welches eine Vielzahl einzigartiger Impressionen und unvergesslicher Eindrücken bietet. Es ist unglaublich beeindruckend zu sehen, welch regenerative Kraft die Natur besitzt und wie schnell sich die Natur ihren Raum zurückerobert, wenn wir Menschen nicht mehr da sind. Nach nur 30 Jahren ist diese Stadt nicht mehr widerzuerkennen. In vielen Teilen der Stadt ist nicht mehr zu erkennen, dass hier überhaupt einmal eine Stadt war.

Man stelle sich erst einmal vor, wie Prypjat in weiteren 30 Jahren aussehen wird oder gar in 100 Jahren. Von der Stadt wird dann nichts mehr übrig sein, sie wird dann komplett verschwunden und Wildnis und Natur gewichen sein.

Prypjat ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass die Menschheit nur eine winzige Randnotiz in der Geschichte dieses Planeten ist. Sobald sie nicht mehr da ist, dauert es nur wenige Jahrzehnte, bis nichts mehr von ihren hinterbliebenen Bauten und Errungenschaften übrig ist und bis nichts mehr an ihre einst so augenscheinlich überdominante Existenz erinnert.

Das Ende und das Fazit der Tour durch die nukleare Sperrzone

Prypjat war der letzte Punkt auf der Tagesordnung und es ging wieder zurück nach Kiew, wo wir 12 Stunden zuvor unsere Tour durch die nukleare Sperrzone um Tschernobyl begonnen haben. Wir hatten zwar durchaus recht hohe Erwartungen an diese Tour, doch dass wir derart beeindruckt sein würden, hätten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorgestellt.

Nicht nur bekommt man permanent vor Augen geführt bekommt, welch immense, zerstörerische Kraft die Natur besitzen kann und welch katastrophale Folgen es haben kann, wenn der Mensch diese Kraft zu bändigen versucht. Gleichzeitig kann man auf beeindruckende Weise erleben, welch regenerative Kraft die Natur besitzt und wie schnell die Natur vergessen hat, dass die Menschheit jemals existiert und versucht hat, sie zu bändigen.

Diese Tour ist ein einzigartiges, unvergessliches Erlebnis, welches eine unbezahlbare Lektion über die unbändige Kraft der Natur lehrt, nachdem man die Welt, in der wir leben, und unsere Rolle in dieser Welt auf ewig mit anderen Augen sieht.

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