FewDaysOff Empfehlungspunkte
(9/10)

„Und wo fährst du als nächstes in Urlaub hin?“
„Nach Tschernobyl.“

Wenn man jemanden von seinem Vorhaben erzählt, die nukleare Sperrzone um das havarierte Kernkraftwerk herum zu besuchen, dann kann man nur zwei Reaktionen erwarten. Entweder das Gegenüber ist total begeistert, war entweder selbst schon da oder möchte da auch unbedingt einmal hin. Oder das Gegenüber ist geschockt und total entsetzt und fragt sich, wie man überhaupt nur auf die Idee kommen kann, so etwas bescheuertes zu machen.

Hate it ir love it. Wohl kaum ein anderes Reiseziel ist derartig polarisierend und spaltet derartig tief. Wenn man nach Tschernobyl reist, dann muss man nicht nur mit radioaktiver Strahlung rechnen, man muss auch darauf gefasst sein, dafür einen nuklearen Shitstorm zu ernten, von seinen Freunden, Verwandten und Bekannten.

Auch wir sind damals auf harsche Kritik und heftigen Widerstand gestoßen. Doch allen Unkenrufen zum Trotz haben wir diese Reise getätigt und wir haben es zu keinem Zeitpunkt bereut. Ganz im Gegenteil, die Reise nach Tschernobyl war eines der, wenn nicht gar das unvergleichlichste und unvergesslichste Erlebnis unseres ganzen Lebens.

Und vielmehr als alles andere ist eine Reise nach Tschernobyl wie eine Offenbarung, ja gar wie eine bewusstseinserweiternde Erkenntnis, welche einem die Augen in ungeahnter Weise öffnet und nach der man die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben, für immer mit anderen Augen sieht.

Soll man also tatsächlich nach Tschernobyl reisen? Soll man die Gefahren und potentiellen Folgen radioaktiver Verstrahlung in einer nuklearen Sperrzone um ein explodiertes Kernkraftwerk auf sich nehmen?

Aus der Sicht des Autors dieser Zeilen kann es darauf nur eine Antwort geben:

Ja! Definitiv ja!

Die Strahlung

Zunächst einmal sei das Augenmerk gelegt auf den wohl heftigsten und nicht zu unterschätzenden Kritikpunkt dieser ganzen Reise, die Strahlung.

Durch die Explosion des Reaktors Nr. 4 und deren Folgen gelangten radioaktive Stoffe in die Atmosphäre, die in Folge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region um das Kraftwerk herum kontaminierten, aber letztlich über ganz Europa bis hin nach Vorderasien und Nordafrika verteilt wurden.

Hauptsächlich wurde das radioaktive Caesiun Isotop Cs-137 freigesetzt, welches eine Halbwertszeit von knapp über 30 Jahren besitzt. Das heißt also, dass heute, 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe, immer noch die Hälfte der damals freigesetzten Caesiun Isotope fleißig vor sich hin strahlen und das Gebiet um das Kraftwerk herum nach wie vor kontaminieren. In weiteren 30 Jahren wird immer noch ein Viertel der anno 1986 freigesetzten Isotope die Gegend verstrahlen.

Bis heute sind die Spätfolgen der Reaktorkatastrophe für die Region um das Kraftwerk und für ganz Europa nicht abschließend geklärt. Es ist schwierig die durch das Unglück freigesetzte Radioaktivität und deren unmittelbare Folgen von natürlicher Strahlungsexposition klar und deutlich zu trennen. Veröffentlichungen und Untersuchungsergebnisse zu dem Thema sind umstritten und heftig diskutiert.

Ferner spielen bei der Untersuchung des Unglücks und dessen Folgen Interessenskonflikte sowie lobbyistische und politische Motivationen eine erhebliche Rolle. Berichte und Forschungsergebnisse von atomenergiebefürwortenden Organisationen sind dabei oft wesentlich milder und weit weniger drastisch als von atomenergiekritischen Verbänden und Umweltorganisationen und unterscheiden sich teils erheblich.

Laut einem Bericht, der in Zusammenarbeit der Weltgesundheitsorganisation WHO, der Vereinten Nationen UNO und der internationalen Atomenergie Agentur IAEA erstellt wurde, forderte der Reaktorunfall weltweit mindestens 4.000 Todesopfer. Allerdings ist dieser Bericht äußerst umstritten, zumal sich mit der IAEA eine Organisation verantwortlich zeichnet, deren Aufgabe es ist, Atomenergie weltweit zu verbreiten. So halten Kritiker eine noch sehr viel höhere Opferzahl für möglich.

So oder so, mit mindestens 4.000 Todesopfer hat die Katastrophe in Tschernobyl mindestens 1.000 Todesopfer mehr gefordert als die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center vom 11. September 2001.

Den Veranstaltern von Tschernobyl Reisen sind diese Kontroversen aber bestimmt vollkommen gleichgültig. Natürlich werben sämtliche Veranstalter damit, dass ein eintägiger Ausflug in die Sperrzone vollkommen ungefährlich ist und dass man an einem Tag in der Sperrzone lediglich der gleichen Strahlenbelastung ausgesetzt ist, wie bei einem Transatlantikflug. Ob das jetzt wirklich Fakt oder nur ein geschickter Werbeslogan ist, kann einem niemand beantworten. Letztendlich wollen die Anbieter ja Kunden anlocken und nicht vergraulen.

Fakt ist, man setzt sich bei der Reise nach Tschernobyl einer Gefahr aus, die man unmöglich abschätzen kann. Ob diese Reise einmal Spätfolgen haben wird oder nicht, kann einem niemand mit Sicherheit sagen.

Wenn man eines Tages an Krebs erkranken sollte, kann niemals rekonstruiert werden, ob die Reise nach Tschernobyl daran beteiligt oder vielleicht sogar der auslösende Faktor war.

Niemand kann abschätzen, ob es gesundheitsgefährdender ist, wenn man sein Leben lang jeden Tag eine Zigarette raucht oder wenn man in seinem Leben an einem einzigen Tag in Tschernobyl ist.

So oder so, man setzt sich bei dieser Reise einer erhöhten Strahlenbelastung und einer erhöhten Gefahr einer Krebserkrankung aus. Wenn man nach Tschernobyl reist, muss man sich dieser Tatsache und dieser Gefahr bewusst sein und sie sich auch deutlich vor Augen führen. Und es muss einem egal sein. Man muss diese Gefahren in Kauf nehmen wollen und man muss trotz dieser Gefahren dennoch unbedingt dort hin reisen wollen. Und man muss bereit sein, vielleicht irgendwann einmal einen hohen Preis für diese Reise zu bezahlen.

Wer sich trotz der potentiellen Gefahren jedoch für eine Reise nach Tschernobyl entscheidet, der werden zwei unbezahlbare Lektionen lernen, die das ganze Leben verändern können.

Lektion Nr. 1 – Die zerstörerische Kraft der Natur

Bereits die Entscheidung, ob man denn überhaupt an diesen Ort reisen sollte, ist unweigerlich damit verbunden, dass man sich mit den Themen Strahlung, Radioaktivität und Kernenergie auseinandersetzt.

Hatte man vor dieser Reise keine große Ahnung oder keine Meinung zum Thema Kernenergie, dann wird man nach der Reise definitiv eine Meinung dazu haben und zwangsläufig zu diesem kontroversen Thema Stellung beziehen.

Man bekommt auf dieser Reise permanent vor Augen geführt, welch immense, zerstörerische Kraft die Natur besitzen kann und welch katastrophale Folgen es haben kann, wenn der Mensch arrogant und überheblich glaubt, diese Kraft kontrollieren zu können und letztendlich doch die Kontrolle darüber verliert.

Die erste Lektion, die man auf dieser Reise lernen wird, ist es, dass Radioaktivität eine Naturgewalt ist, die eine immense, zerstörerische Wirkung entfalten kann. Man kann sie zwar mit mathematischen Formeln und physikalischen Experimenten begreifen und beschreiben. Man hat zwar ein fundiertes Verständnis, wie Radioaktivität funktioniert, wie gefährlich sie ist und warum sie so gefährlich ist. Aber trotz all dieses Wissens und all dieser Erkenntnisse, wenn der Mensch sich mit der Radioaktivität anlegt, spielt er mit einer Macht, die ihm letztendlich haushoch überlegen ist. Und Tschernobyl ist der lebende Beweis dafür.

Wenn der Mensch mit der Radioaktivität spielt, ist das genauso, als würde man einem Kleinkind eine geladene Waffe in die Hand drücken. „Natürlich weiß ich, dass die Waffe gefährlich ist, ich bin doch nicht dumm“ wird das kleine Kind sagen. „Ich bin doch kein kleines Kind mehr. Natürlich werde ich damit niemanden verletzten. Natürlich passe ich auf. Natürlich wird nichts passieren.“ Diese letzten Worte des kleinen Kindes hallten noch in den Ohren der Mutter, als dann eben doch etwas passiert ist.

„Natürlich wissen wir, dass Radioaktivität gefährlich ist, wir sind doch nicht dumm“ sagten die Menschen. „Wir haben alles unter Kontrolle. Natürlich wird nichts passieren.“ Diese letzten Worte der Menschen hallten noch in den Ohren von Mutter Natur, als dann eben doch etwas passiert ist und ein Atomkraftwerk in der Ukraine explodiert ist.

Lektion Nr. 2 – Die regenerative Kraft der Natur

Doch nicht nur ist eine Reise nach Tschernobyl eine Lehre über die Gefahren und potentiellen Folgen der Kernenergie, gleichzeitig kann man auf beeindruckende Weise erleben, welch regenerative Kraft die Natur besitzt.

Man wird auf der Reise auch die Geisterstadt Prypjat besuchen, die 1970 extra als Wohnort für die Arbeiter des Kernkraftwerks errichtet wurde und seit der Katastrophe menschenleer und der Kraft der Natur überlassen ist. Und es ist immens beeindruckend zu sehen, wie sich die Natur in gerade einmal 30 Jahren ihren Raum zurückerobert hat, wenn wir Menschen nicht mehr da sind.

Viele Teile der Stadt sind nicht mehr als solche zu erkennen und geradezu von unzähligen Bäumen, Gräsern und Wiesen überwuchert. Oft gewinnt man hier den Eindruck, man würde sich mitten in einem Wald in tiefster Wildnis befinden und nicht inmitten einer Stadt, die einst 50.000 Einwohner hatte.

Nach gerade einmal drei Jahrzehnten ist diese Stadt nicht mehr wiederzuerkennen. In vielen Teilen der Stadt ist nicht mehr zu erkennen, dass hier überhaupt einmal eine Stadt war. Man stelle sich erst einmal vor, wie Prypjat in weiteren 30 Jahren aussehen wird oder gar in 100 Jahren. Von der Stadt wird dann nichts mehr übrig sein, sie wird dann komplett verschwunden und Wildniss und Natur gewichen sein.

Prypjat ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass die Menschheit nur eine winzige Randnotiz in der Geschichte dieses Planeten ist. Sobald sie nicht mehr da ist, dauert es nur wenige Jahrzehnte, bis nichts mehr von ihren hinterbliebenen Bauten und Errungenschaften übrig ist und bis nichts mehr an ihre einst so augenscheinlich überdominante Existenz erinnert.

Es gibt wohl kaum einen anderen Ort auf der Welt, an dem man diese zweite Lektion auf derart einprägsame Weise lernen kann, wir hier in Prypjat.

Zusammenfassung

Eine Tour durch die Sperrzone um das Kernkraftwerk Tschernobyl ist zusammengefasst ein einzigartiges, unvergessliches Erlebnis, welches eine unbezahlbare Lektion über die unbändige Kraft der Natur lehrt.

Nicht nur bekommt man permanent vor Augen geführt bekommt, welch immense, zerstörerische Kraft die Natur besitzen kann und welch katastrophale Folgen es haben kann, wenn der Mensch diese Kraft zu bändigen versucht.

Gleichzeitig kann man auf beeindruckende Weise erleben, welch regenerative Kraft die Natur besitzt und wie schnell die Natur vergessen hat, dass die Menschheit jemals existiert und versucht hat, sie zu bändigen.

So oder so, man wird nach einer Reise nach Tschernobyl die Welt, in der wir leben, und unsere Rolle in dieser Welt auf ewig mit anderen Augen sehen. Einen besseren Grund, um an einen Ort zu reisen, kann es wohl kaum geben.

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